Warum ich aufgehört habe, ein „richtiger Mann“ sein zu wollen

Jahrelang wollte ich in eine Form passen, die wohl nicht für mich gemacht war. Ein echter Mann.

Fußball. Politik. Alkohol. Grillen. Das klassische Bild von Männerfreundschaft. Ich habe versucht, dazuzugehören, mitzumachen und dabei akzeptiert zu werden. Nicht weil ich es wollte, sondern weil ich dachte, ich müsste. Weil das Gefühl, nicht männlich genug zu sein, sich schon früh in meinem Leben festgesetzt hatte und ich es für eine persönliche Schwäche hielt.

Ein Buch, das alles verändert hat

Im Laufe der Jahre hatte ich bereits sehr viele Bücher zum Thema „Mann sein“ gelesen. Dann kam vor etwa drei Jahren ein weiteres dazu: Genesis von Veit Lindau. Darin beschreibt er, was einen „echten Mann“ ausmacht – aber er schreibt auch, dass nicht alle Männer diesem Bild entsprechen. Dass es tatsächlich Männer gibt, die nicht zu 80 oder 90 Prozent diesen männlichen Anteil haben, sondern ausgeglichene männliche und weibliche Anteile in sich tragen. Daher sollte man das erst einmal testen und dann weiterlesen.

Ich habe den Test gemacht. Und das Ergebnis war so klar, dass ich eine Weile gebraucht habe, um es wirklich zu akzeptieren, obwohl ich eigentlich wusste, dass es stimmt: Ich bin ein solcher Mensch. Weder stärker männlich, noch stärker weiblich – sondern beides zu gleichen Anteilen.

Das ganze Streben danach, ein richtiger Mann zu sein, war damit nicht gescheitert. Es war schlicht sinnlos. Ich habe versucht, jemand zu werden, der ich von Grund auf nicht oder besser nie war.

Was mir wirklich fehlte

Mir fehlte tatsächlich die Akzeptanz meines starken weiblichen Anteils und nicht, ein richtiger Mann zu werden. Eigentlich war das eine riesige Erleichterung, ich musste nicht weiter suchen, und mich verbiegen, sondern durfte einfach so sein, wie ich schon immer war oder gefühlt habe.

Und dann?

Endlich konnte ich mir auch einfach erlauben, ganz offen über Kleidung nachzudenken, was ich mir tatsächlich nicht erlaubt hatte – das gehört sich nicht. Ich habe angefangen zu experimentieren, zuerst vorsichtig. Und dann, vor gut zwei Jahren, habe ich mir einen weißen Minirock gekauft. Weil ich ihn schön fand. So einfach war das.

Erst habe ich ihn nur zu Hause getragen, dann aber auch in Freiburg in der Fußgängerzone. Zuerst habe ich noch versucht, es vor der Familie zu verstecken, aber immer öfter wollte ich mich einfach so kleiden, weil es sich echt anfühlte.

Was ich erwartet hatte? Ich weiß es nicht genau. Was ich erlebt habe: Die meisten Menschen haben gar nicht reagiert. Und die wenigen, die es taten, hatten vorwiegend nichts Konstruktives zu sagen – sondern nur: Das ist doch nicht normal. Das war eine ältere Frau und ich habe versucht, mit ihr darüber zu sprechen. Es hat nicht funktioniert – nicht weil sie böswillig war, sondern weil „Das ist nicht normal“ der einzige Satz war, den sie hatte. Kein Argument. Keine Frage. Nur Abgrenzung. Eine Frau hat mich tatsächlich beim Tanzen angesprochen und gesagt, dass mir das stehen würde.

Mein Körper, meine Kleidung, mein Ausdruck

Heute trage ich selbstverständlich Miniröcke, weil mir das am besten gefällt. Im Herbst und Winter dann Strumpfhosen dazu. Und das Ganze trotz meiner behaarten Beine, ganz bewusst.

Ein Mann hat mich mal im Laden darauf angesprochen: Wenn man schon Strumpfhosen trägt, solle man sich wenigstens rasieren. Ich habe einen Moment gebraucht, um zu verstehen, was er meinte. Und dann war mir klar: Nein. Genau das werde ich nicht tun.

Die Haare auf meinen Beinen sind nicht das Problem. Sie sind ein Teil von mir. Genauso wie die Strumpfhose ein Teil von mir ist. Genauso wie der Rock. Das eine ist, was andere als männlich lesen. Das andere als weiblich. Beides darf sein. Beides ist – bei mir.

Das ist kein Widerspruch. Das bin ich.

Warum ich das hier schreibe

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich das mache und was ich antworte, wenn mich jemand danach fragt. Das ist keine Provokation, keine Einladung oder Abschreckung, kein Statement.

Sondern weil ich weiß, wie viel Energie es kostet, jahrzehntelang zu versuchen, jemand zu sein, der man nicht ist. Und weil ich glaube, dass vor allem junge Menschen diesen Druck heute genauso kennen – auch wenn er sich andere Formen sucht.

Das passt nicht zu dir. Das ist nicht normal. Das schickt sich nicht.

Ich bin zu normal für die Verrückten. Zu verrückt für die Normalen. Zu analytisch für die Spirituellen. Zu spirituell für die Rationalen.

Ich habe aufgehört, das als Problem zu sehen.

Ich lebe, was ich bin. Und ich lasse mich davon nicht mehr irritieren, was andere Leute denken – besonders nicht von denen, die selbst noch nie ernsthaft gefragt haben, wer sie eigentlich sind.

Das YouTube Video dazu

Wenn ich über was schreiben oder sprechen will, mach ich mir kein Skript und daher ist hier der Text nicht identisch mit dem YouTube Beitrag, den ich gemacht habe:

Ich bin kein richtiger Mann und das ist gut so

Wenn du auf das Bild klicks wird das Video von YouTube abgespielt. Vorher wird keine Verbindung zu YouTube Servern aufgebaut!

Kurven des Lebens Logo512 2

Lass Dich gerne automatisch informieren!

Melde Dich hier zu meinem Newsletter an. Ich schicke Dir News und neue Inhalte zu.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.